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Lifestyle & Freizeit

Was haben Hipster, Hippies und Dandys gemeinsam? Sie alle vertreten ganz bestimmte Ansichten darüber, wie sich das Leben am lebenswertesten gestalten lässt. Ihre freie Zeit abseits des Berufsalltags ist geprägt von spezifischen Ritualen und Beschäftigungen, die sie von „konventionellen“ Arten der Lebensführung abgrenzen. Dennoch ist Lifestyle nicht gleich Freizeit. Die beiden Begriffe werden so häufig gebraucht, sagen aber oberflächlich betrachtet nicht viel aus. Es ist Zeit, ihnen auf den Grund zu gehen.

Einfach Ich sein – Die Freizeit

Freizeit ist viel mehr als die paar Erholungsstunden nach einem langen Arbeitstag. Den durchgeplanten Teil unseres Lebens – Schule, Ausbildung, Beruf – können wir uns lediglich zu einem begrenzten Teil selbst aussuchen. Eine solidarische Gesellschaft funktioniert nur, wenn jeder seinen Beitrag an Arbeit dazu leistet. Im Lauf der Zeit gab es jedoch immer stärkere Forderungen nach einer Entlastung des Einzelnen, in körperlicher und seelischer Hinsicht. Die letzten 150 Jahre haben viel dazu beigetragen, den Tagesablauf eines Menschen zu entkrampfen: Während Erwerbstätige im 19. Jahrhundert noch teilweise 16 Stunden täglich arbeiteten, existierten seit den 1950er Jahren Bestrebungen, die 40-Stunden-Woche einzuführen, also die Arbeitszeit auf acht Stunden an fünf Arbeitstagen zu beschränken.

Je mehr Zeit den Menschen außerhalb des Berufslebens zur Verfügung stand, umso nachdrücklicher wurden Konzepte entwickelt, um das Intervall des Nichtstuns mit anderen, willkommeneren Tätigkeiten zu füllen.
In der Biedermeierzeit der 1830er und 1840er zogen sich viele Menschen ins traute Heim zurück und gingen künstlerischen oder sportlichen Leidenschaften nach. Lesen und Musizieren galten als wertgeschätzte Mußestunden des gebildeten Bürgertums. Frei verfügbare Zeit ließ sich aber auch in Gesellschaft verbringen: Es gab Stammtische, Familienfeiern und Abendgesellschaften, wo sich anregende Gespräche über gemeinsame Interessen oder das aktuelle Tagesgeschehen führen ließen.

Der Freizeitbegriff hat in den letzten Jahrzehnten eine enorme Bedeutungserweiterung erfahren, da auch die Angebotsmöglichkeiten deutlich anstiegen. Abgesehen von jener Zeit abseits des Berufsalltags, die wir mit obligatorischen Tätigkeiten wie Waschen oder Schlafen verbringen, bleiben uns immer mehr Stunden oder auch freie Tage zur eigenen Gestaltung. Diese Zeit gehört nur uns; sie wird gefüllt mit Hobbys oder der Beschäftigung mit Menschen, die uns nahe stehen. Die liebsten Freizeitbeschäftigungen der Deutschen haben sich seit dem Eintritt ins Medienzeitalter nicht wirklich verändert: Fernsehen, Radio hören und Zeitschriften lesen stehen nach wie vor weit oben auf der Liste.

Allerdings gibt es auch immer wieder Stimmen, die darauf verweisen, dass die viele freie Zeit im Grunde überhaupt nicht frei wäre. Denn zahlreiche Unternehmen und Institutionen haben sich die Freizeit zunutze gemacht, indem sie die Menschen dazu eingeladen haben, einer stilisierten Massenkultur beizutreten. Tatsächlich gab es auch in Deutschland wiederholt sogenannte „Freizeittrends“, also bestimmte Tätigkeiten oder Veranstaltungen, denen eine große Menge beiwohnen wollte. Der Tourismus und der Konsum lassen sich zum Beispiel treffend in diese Reihe einordnen. Es gibt sogar die Befürchtung, dass die Menschen zukünftig aufgrund von zu viel Freizeit abstumpfen würden. Die Freizeit ist also immer ambivalent zu betrachten und muss mit mehr gefüllt werden als mit Geistlosigkeit und Langeweile.

Neigungen mit Bedeutung – Der Lifestyle

Freie Zeit hat im Grunde jeder. Aber nicht jeder einzelne repräsentiert auch einen ausgeprägten Lifestyle. Anders als die Freizeit zielt ein Lebensstil – nicht zwangsläufig, aber häufig – auf eine Abgrenzung von traditionellen Formen der Lebensführung ab. Dies kann politische, kulturelle oder individuelle Gründe haben; oft nehmen sich vor allem jüngere Menschen einen bestimmten Lifestyle als Vorbild und versuchen, diesem nachzueifern. Die Wahl eines spezifischen Lebensstils hat auch viel mit dem individuellen Charakter zu tun: Introvertierte Menschen neigen eher zu Häuslichkeit, Familien- und Naturverbundenheit, während Extrovertierte vermehrt einen erlebnisorientierten Hedonismus pflegen.
Historisch gerieten diverse Arten der Lebensführung in und wieder außer Mode: Vom 18. bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts etwa propagierten zahlreiche Menschen den extravaganten, durchaus narzisstischen Lebensstil der Dandys, welcher sich insbesondere in ihrer eleganten Kleidung niederschlug; Casanova und Oscar Wilde sind bekannte Beispiele hierfür.

Ebenfalls sehr prominent bis heute ist der Hippie-Lifestyle der späten Sechziger und Siebziger Jahre. Anhänger der Hippie-Bewegung gaben ihren Sympathien Ausdruck durch die Kleidung, die Musik, aber auch durch politische Organisationen. In diesem Fall ist der Lifestyle nicht mehr nur Statussymbol für das Selbst, sondern verbunden mit einer gesellschaftskritischen Botschaft, die bewusst an die Öffentlichkeit getragen wird.
Lebensstile können auch nationsspezifisch sein. Den „American Way of Life“ zu bejahen, bedeutet etwa, im Sinne des Amerikanischen Traums an die Möglichkeit des sozialen Aufstiegs für jedermann und an das unumstößliche Postulat der Freiheit zu glauben.
Der eigene Lifestyle kann auf diverse Bereiche des täglichen Lebens angewandt werden: Er äußert sich in der Kleidung, in Hobbys und Freizeitaktivitäten, im Literatur- und Musikgeschmack, in der Art, wofür wir unser Geld ausgeben und welche Medien wir konsumieren.

Bezüglich einiger Lebensstile herrschen bis heute noch zahlreiche Stereotype vor. Stellt man sich zum Beispiel einen Hipster vor, hat man meist das Bild eines bebrillten, Holzfällerhemd und Bart tragenden Mannes, eine Strickmütze auf dem Kopf und ein Notebook in der Hand, vor Augen. Viele assoziieren mit ihnen eine Haltung, die bestimmte Kategorien des Mainstreams ablehnt; es heißt, Hipster hörten gerne alternative Musik, interessierten sich für moderne Kunst und wählten progressive Parteien. Auch wenn einige dieser Charakteristika vielleicht zutreffen; alle Menschen mit Hornbrille oder einem extravaganten Musikgeschmack gleich in die Reihen des Hipster-Lifestyles einzuordnen, würde zu kurz greifen. Überhaupt propagieren nur die wenigsten Menschen den einen einzigartigen Lebensstil; vielmehr lassen sich diverse Komponenten verschiedener Lifestyles miteinander kombinieren und ergeben so eine ganz individuelle Art der Lebensführung.

Lifestyle for life – gut oder schlecht?

Einen Lebensstil für sich selbst gefunden zu haben, kann unglaublich befreiend sein. Allerdings gibt es auch hier die zunehmende Tendenz, bestimmte Lifestyles besonders positiv oder negativ zu bewerten. Mit einer Kamera und gewissen Entertainment-Qualitäten kann jeder zum Lifestyle-Influencer werden. Genau genommen machen viele Social Media – Profis nichts anderes, als einfach nur ihren Alltag zu dokumentieren. Natürlich gibt es auch hier schwarze Schafe, die mit Fotos und Videos ein völlig anderes Bild ihrer selbst schaffen; nichtsdestotrotz legen viele Influencer großen Wert auf Authentizität. Gerade deshalb sind sie so erfolgreich: Ihre Glaubwürdigkeit erzeugt eine Identifikationsmöglichkeit für ihre Fans, die auf diese Weise sehen, dass auch andere mit ordinären Problemen wie Pickeln, unliebsamen Diäten oder Alltagsstress zu tun haben. Ein Lifestyle-Account kann auch Inspiration bieten für die eigene Lebensführung oder als Plattform zum Austausch gesammelter Erfahrungen fungieren.

Als Fazit lässt sich festhalten: Je mehr freie Zeit den Menschen zur Verfügung steht, desto breiter gefächert sind die Möglichkeiten der Selbstverwirklichung. Im Lauf seines Lebens entwickelt jeder bestimmte Vorlieben und Neigungen, die sich zu einem individuellen Lebensstil vereinigen können. Inwieweit jemand seinen Lifestyle dabei nach außen tragen will, bleibt jedem selbst überlassen.

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